Work & Travel in Kanada: Viktoria im Interview

Viktoria ist 19 Jahre alt und seit Juli 2018 mit ihrer Zwillingsschwester in Kanada als Work and Travellerin unterwegs. In diesem Interview erzählt sie warum sie sich entschieden hat ein Work & Travel Jahr zu machen und von ihren Erlebnissen.

 

 

Was hat dich dazu bewegt nach dem Abitur ins Ausland zu gehen?

Ich finde, dass die Zeit nach dem Abitur eine ganz besondere ist: Man ist mit der Schule fertig, ein neuer Lebensabschnitt beginnt und die Welt steht einem offen. Ich hatte onehin vor ein Jahr zu warten, bis ich anfange zu studieren. Zuerst habe ich mich für ein Freiwilliges Wissenschaftsliches Jahr (FWJ) beworben, doch als ich die Zusage für mein Visum hatte, stand es für mich ohne Frage fest, ins Ausland zu gehen.

Weshalb hast du dich für Work & Travel und gegen ein Au-pair Jahr entschieden?

Meiner Meinung nach ist man beim Au-pair-Jahr meist nur an einen Standort sowie eine Tätigkeit gebunden und wenn man zum Beispiel mit den Kindern und der Familie nicht gut zurechtkommt, dann hat man wirklich keine Alternative und muss im schlimmsten Fall zurückreisen. Beim Work and Travel hat man die Fäden selbst in der Hand und lernt Verantwortung zu übernehmen. Zudem bin ich viel flexibler und ich kann meine Reisepläne jederzeit ändern und anpassen. Außerdem kann ich beim Work and Travel nicht nur Berufe und Tätigkeiten im sozialen Bereich ausprobieren, sondern mir steht eine viel größere Bandbreite an Berufen zur Verfügung, sodass ich viel mehr über meine Stärken und Schwächen lernen kann.

Hast du dir deinen Work & Travel – Aufenthalt selbst organisiert oder bist du mit einer Organisation unterwegs?

Ich habe alles selbst organisiert und würde es auch jedem empfehlen. Man spart viel Geld und außerdem ist man auf der weiteren Reise selbst für sich verantwortlich und muss ohnehin vor Ort alles selbst in die Hand nehmen. Reisen bedeutet viel Planung. Wohlbemerkt hat Kanada eines der kompliziertesten Beantragungsverfahren für Working-Holiday-Visa, aber mit etwas Selbstdisziplin und Durchhaltungsvermögen ist es schaffbar, auch wenn man sich durch viel Papierkram kämpfen muss.

Was musstest du im Voraus alles organisieren?/Wie viel Vorbereitungszeit würdest du anderen raten einzuplanen?

Ich habe im November mit der Planung angefangen, Anfang Juli bin ich nach Kanada geflogen. Wie gesagt, ist es ein langer Weg bis man das Visum in den Händen hält. Grob zusammengefasst fängt es damit an, dass die kanadische Botschaft das Kontingent für die Working Holiday Visa im November bekanntgibt. Danach bewirbt man sich online auf der Seite der Botschaft, erstellt einen Account und befindet sich in einem Bewerberpool. Nach einiger Zeit werden nach dem Zufallsprinzip Einladungen an die Bewerber geschickt. Bekommt man eine Einladung zugeschickt, hat man 10 Tage Zeit diese anzunehmen. Nach der Bestätigung hat man 20 Tage Zeit um sich letzendlich für die Work Permit zu bewerben. Im letzten Schritt lädt man alle Dokumente hoch (Kopie vom Reisepass, einen aktuellen Lebenslauf auf Englisch, das polizeiliche Führungszeugnis mit beglaubigter Übersetzung, ein Passbild und ein Formular zur Familie) und bezahlt die Visum- Gebühr (250 Dollar). Wichtig ist, dass man dafür eine eigene Kreditkarte hat. Dann musste ich ein paar Monate warten bis alles überprüft und genehmigt wurde. Im Februar bekam ich endlich meinen „Letter of Introduction – Port of Entry“ (das Schreiben, in dem der Visumsantrag bestätigt wird) zugeschickt. Bei der Einreise nach Kanada musste ich zudem finanzielle Mittel in der Höhe von mindestens 2.500 kanadischen Dollarn, eine Auslandskrankenversicherung sowie ein Rückflugticket bzw. zusätzliche finanzielle Nachweise für ein Ticket nachweisen können. Am Flughafen bekam ich dann von den kanadischen Beamten das Visum ausgehändigt.

Man sollte schon mindestens ein halbes Jahr vorher anfangen, da die Behörden manchmal länger brauchen oder man in einigen Fällen noch Dokumente nachreichen muss. Das genaue Bewerbungsprozedere ändert sich manchmal auch. So muss man für die Vergabe 2019 auch Fingerabdrücke abgeben.

Warum fiel deine Wahl auf Kanada?

Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt und hat vielfältige Orte, atemberaubende Landschaften und eine faszinierende Flora und Fauna zu bieten. Ich interessiere mich sehr für die Natur und bin gerne draußen unterwegs. Es ist die Vielseitigkeit des Landes, die mich letztlich überzeugt hat.

 

Wie ist es dir ergangen als du angekommen bist und wie war dein erster Eindruck?

Als ich im Flugzeug saß und wir durch die Wolkendecke geflogen sind, hat es sich wie ein Traum angefühlt, fast schwerelos. Ich habe mich so leicht und frei gefühlt. Es hatte auch etwas Endgültiges. Als ich aus dem Fenster sah und auf die Erde zurückschauen wollte, sah ich nichts außer weißen Dunst und Wolken. Da wusste ich es, es gab keinen Weg zurück mehr und ich fing langsam an zu begreifen, dass etwas Neues beginnt: Eine Reise fürs Leben. Natürlich hatte ich auch etwas Angst, weil ich nicht genau wusste, was auf mich zukommt. Aber neben mir saß eine sehr nette Italienerin, die mir begeistert erzählt hat wie schön Kanada ist und dass sie schon oft da war. Das hat mir die Angst genommen. Ich kann mich auch noch sehr genau an den Moment erinnern, als ich aus dem Flugzeug ausgestiegen bin. Ich war plötzlich 6 Stunden zurück und es war ein sehr warmer, sonniger Tag. Alles erschien mir gigantisch groß: Die Straßen, Autos und Häuser. Ich stand in der größten Stadt Kanadas und habe mich neben all den Wolkenkratzern, die aus dem Himmel ragten, sehr klein gefühlt. Vielleicht auch etwas verloren.

Wie gestaltet sich die Jobsuche vor Ort und welche Tätigkeiten hast du schon ausgeübt?

Die Jobsuche läuft in Kanada ziemlich entspannt ab. Wenn ich nach einem neuen Job suche, gehe ich einfach in ein paar Restaurants und Läden und lasse meine Kontaktdaten und meinen Lebenslauf da. Nach ein paar Tagen melden sich meist ein paar Manager zurück und ich werde zu einem Jobinterview eingeladen. Bisher hat es immer geklappt, worüber ich ganz froh bin. Für einige Jobs braucht man manchmal Schulungen oder ein Zertifikat wie die „Smart Serve License“, wenn man in der Gastronomie arbeitet. Das muss man dann natürlich vorher erledigen.

Im Sommer als ich angekommen bin, habe ich in Ontario Antiquitäten aus Holz restauriert, viel Metall geschliffen und eine Veranda gebaut. Danach habe ich für einen Monat in einem Restaurant als Kellnerin gearbeitet, bevor es weiter nach Toronto ging. Im Herbst bin ich nach Prince – Edward – Island geflogen und habe dort für ein Unternehmen, das Strandhäuser vermietet, gearbeitet. Nach einem Monat bin ich weiter Richtung Süden nach Nova Scotia gefahren und habe dort auf einer Alpaka- Farm gearbeitet und auf Kinder aufgepasst. Momentan bin ich wieder zurück auf der Insel, habe gerade mein Training abgeschlossen und fange morgen bei der Restaurantkette Wendy ́s in Charlottetown an. Wie man sieht, versuche ich jeden Monat etwas Neues an um viele unterschiedliche Arbeitsbereiche, Menschen und Orte kennenzulernen.

Welcher Job hat dir vor Ort am besten gefallen? 

Mein erster Job hat mir am besten gefallen. Ich habe alte kanadische Schneeschuhe, einen Schlitten, eine Heugabel und ein Pferdegespann restauriert. Es war das erste Mal, dass ich mit Antiquitäten gearbeitet habe. Holz ist ein sehr schöner Arbeitsstoff und ich lernte durchaus mehr als ich im Vorfeld angenommen habe. Zuerst musste ich die Holzstücke vorsichtig mit Sandpapier abschleifen. Allein dieser Arbeitsschritt dauerte mehrere Stunden. Es war aber nicht nur Geduld und Präzision was ich bei dieser Arbeit lernte. Ich begann mich zu fragen, welche Geschichten hinter den Antiquitäten steckten. Wer hat die Schneeschuhe benutzt? Wie alt mögen sie wohl sein?Auch wenn meine Fragen unbeantwortet blieben, dieses Verborgene und Geheimnisvolle, was die Antiquitäten ausstrahlten, machten die Arbeit wirklich spannend.

Reicht das Geld zum Reisen?

Es hängt immer davon ab wieviel Komfort man sich leistet. Ich versuche natürlich auf kleinem Fuß zu leben und kaufe nicht viel, buche Flüge und Tickets frühzeitig und vergleiche oft Preise. Als Kellnerin habe ich recht gut verdient und lange von dem Geld leben können. Es gibt manchmal Phasen, da arbeitet man einen kompletten Monat durch, bis man wieder mehr reisen kann. Ich mag die Abwechslung zwischen Arbeiten und Reisen ganz gerne.

Musstest du dich bezüglich der Kanadischen Kultur umgewöhnen?

Ich musste mich ein wenig an die extrem kalten Temperaturen gewöhnen. Ansonsten bin ich ein noch größerer Hockeyfan geworden und höre auch mal ganz gern Countrymusik.

 

Sind Kanadier wirklich so unglaublich freundlich?

Ja! (lacht). Sie entschuldigen sich für alles und sie sind sehr höflich und dankbar. „You‘ re welcome!“ ist wohl der Satz, den ich hier am häufigsten gehört habe.

Wie gestaltest du deine Freizeit in Kanada?

Es mag jetzt vielleicht etwas klischeehaft klingen, aber an den meisten Tagen schaue ich Eishockey- Spiele. Ansonsten fotografiere ich viel, bin draußen spazieren oder schreibe. An kälteren, ungemütlichen Tagen, wenn es zum Beispiel mal wieder durch Schneestürme verursachte Stromausfälle gibt, dass setzte ich mich mit einem guten Buch an den Kamin oder spiele Gitarre.

Was war dein schönstes Erlebnis und gibt es Momente, die dir negativ im Gedächtnis geblieben sind?

Insgesamt muss ich sagen, dass die Reise bis dato ein sehr schönes Erlebnis ist, das mein Leben sehr bereichert hat. Ich habe unglaublich tolle, inspirierende Menschen kennengelernt, Freundschaften geschlossen, bewegende Geschichten gehört und wunderschöne Orte bereist. Wenn ich mich entscheiden muss, welches Erlebnis, das schönste war, schwanke ich zwischen zwei Erlebnissen. Als ich bei den Niagarafällen war, stand ich so lange an einer Stelle und habe den Wasserfall förmlich angestarrt, weil ich von der Schönheit und Gewalt des Wassers so beeindruckt war. Es schien perfekt dahinzufließen als wisse es wohin. Und dann verschwand es in der Tiefe und ich konnte garnicht sehen worin es verschwand, weil es so tief hinunterfiel. Das hatte etwas Magisches. Ich bin sogar hinter die Wasserfälle gegangen und obwohl ich danach komplett nass war, ist es eine Erfahrung gewesen, die ich einfach nicht vergessen kann.

Das zweite Erlebniss, welches mir sicher in Erinnerung bleibt, ereignete sich als ich in Toronto gelebet habe. Es fand gerade das Internationale Filmfestival statt und die ganze Stadt verwandelte sich in Hollywood. Überall liefen Stars herum, rote Teppiche waren vor den Kinos ausgerollt und es herrschte ein Blitzlichtgewitter. Ich besuchte auch eine Weltpremiere und lernte einen Drehbuchautoren und Regisseur kennen.

Wenn du die Wahl hättest würdest du dich erneut für ein Work & Travel Jahr entscheiden?

Auf jeden Fall! Es war bis dato eine gute Entscheidung das Auslandsjahr zu machen, da ich unglaublich viele Dinge fürs Leben gelernt habe. Das Gute ist, noch ist es nicht vorbei: Ich bin noch ein paar Monate in Kanada unterwegs.

 

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